Handzuginstrumentenmacher? Die Hinweise waren immer da, ich habe sie nur nicht gesehen. Während mein schulisches Umfeld genau wusste, was sie einmal werden wollten, traf das auf mich nicht zu. Ich war sehr ruhig und unsicher und war mir nur einer Sache sicher: Ich will etwas machen, was mir Spaß macht – aber was?
Nach der Mittelschule besuchte ich die Fachoberschule für Gestaltung in Demitz-Thumitz. Dort befindet sich auch die Berufsschule für die angehenden Steinmetze und Steinbildhauer. Durch den Kontakt zu den Steinmetzlehrlingen, bekam ich Einblicke in den Beruf und war mir irgendwann sicher: das könnte »mein« Beruf sein. Um nähere Einblicke in dieses Handwerk zu bekommen, absolvierte ich ein dreiwöchiges Praktikum in Dresden und war währenddessen vor allem von der Restaurierung fasziniert. Ich stellte jedoch schnell fest: Das ist kein Beruf für Frauen. Es kamen vorrangig Ablehnungen auf meine Bewerbungen; lediglich ein Vorstellungsgespräch und eine Probearbeit konnte ich vereinbaren. Keine richtige Zusage. Das war mir zu unsicher, denn ich wollte nicht zu Hause herumsitzen. Ich wollte etwas tun, einen Beruf lernen.
Zu dieser Zeit engagierte ich mich im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres in einem Kindergarten. Eines Tages erzählte eine meiner Schwestern von ihren Bewerbungen in Klingenthal; sowohl die Berufsfachschule für den Musikinstrumentenbau als auch die damalige Harmona Akkordeon GmbH hatte sie angeschrieben. Ich dachte: »Dann haste was für'n Notfall.« Kurzerhand waren meine Bewerbungen fort. Ich nahm mit erfolgreichem Abschluss an der Berufsfachschul-Aufnahmeprüfung teil. Später kam es zu einem Bewerbungsgespräch bei der »Harmona«. Ein gutes Gespräch, mit der Übereinkunft, dass ich mich nach erfolgreichem Abschluss der Berufsfachschule erneut bewerben solle. Im Zuge einer Führung durch den Betrieb konnte ich mir das Unternehmen jedoch schon einmal anschauen. Der Weg in den Beruf des Steinmetzes verlief im Sande und ich begann meine Ausbildung an der Berufsfachschule in Klingenthal. Es vergingen ein paar Wochen bis ich feststellte, dass ich die Arbeit zu lieben begann.
Nachdem ich offiziell Handzuginstrumentenmacherin war, arbeitete ich als Reinstimmer in der »Harmona«, in der Leimerei, wo die Stimmstöcke zusammengeklebt wurden und in der Fertigung für die Klappen. Mit der Insolvenz endete mein Vertrag nach einem Jahr und ich entschied mich für die Selbstständigkeit, in der ich unglaublich viel Neues lernte. Ich wollte noch mehr wissen und machte den Meister. Noch während dieser Ausbildung kehrte ich zu den Weltmeisterinstrumenten (ehemals „Harmona“), in „meine“ Stimmerkabine zurück, wo ich bis zum August 2024 blieb und als letzte, im Betrieb angestellte, gelernte Reinstimmerin das Unternehmen verließ.
Aber wie kam ich auf die Idee, dass dieser Berufszweig der richtige für mich sei? Ich spiele selbst Akkordeon. In der Kindergartenzeit begann die musikalische Früherziehung. Mit der Blockflöte fing alles an und meine Mama erzählte mir, dass ich mich schon sehr früh dazu entschieden hatte, Akkordeon lernen zu wollen. Mit Schulstart begann ich mit dem Unterricht und ich hasste es. Mein Akkordeonlehrer war streng – ich weiß nicht, wie oft ich weinend in das Auto stieg und meiner Mama sagte, dass ich aufhören will. Sie hatte immer nur gesagt: „Noch ein Jahr“ und „ich habe vergessen zu kündigen“. Gefallen am Akkordeonspielen fand ich erst im Gruppenspiel. Ich landete in der »großen« Akkordeongruppe der Kreismusikschule Bautzen in Bischofswerda und wir halfen auch in der BigBand derselben aus. Irgendwann formierten wir uns in einer eigenständigen Gruppe, die in Demitz-Thumitz probte. Auch hier kam der Hinweis: Erlerne doch den Beruf des Akkordeonbauers.
Akkordeonbaumeister und Autorin
Ich liebte es, als Reinstimmerin, den Weltmeister-Akkordeons ihre »Seele« zu geben. Ich weiß nicht wie oft ich in den letzten Jahren den Beruf bereits wechseln wollte, aber Überraschung: Inklusive der Lehrzeit, bin ich nun seit 15 Jahren in »meinem« Beruf tätig! Heute darf ich diese »Liebe zum Beruf« weitergeben, indem ich an den Anfang zurückkehrte. Ich bilde die angehenden Handzuginstrumentenmacher an der Berufsfachschule in Klingenthal aus. Zudem bin ich unter offenem Pseudonym (Amelia Yuno), als Autorin tätig.
Das Akkordeon ist das vielseitigste Instrument, mit den meisten Klischees. Ich will diesen mit entgegenwirken. Im Shanty gehört das »Schifferklavier« sowieso dazu. Ebenso im französischen Chanson, in irischer und schottischer Musik sowie im Bereich des Tangos. Ich sehe das Akkordeon auch häufiger in der Punk- und Metal-Szene. Das Akkordeon ist also nicht nur ein »Bierzelt-Bummsfallera-Musikinstrument«, wie ich es so oft gehört hatte. Es ist so viel mehr.